01 · Einordnung & Geltungsbereich
Warum gibt es dieses Dokument überhaupt?
Wer eine größere Immobilie, ein Rechenzentrum oder einen Solarpark ans Berliner Stromnetz anschließen will, landet nicht im normalen Hausanschluss-Verfahren, sondern im Mittelspannungsnetz. Dafür gelten zwei Regelwerke übereinander – und genau dieses Zusammenspiel muss man zuerst verstehen.
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- wie sich die TA Mittelspannung zur bundesweiten VDE-AR-N 4110 verhält,
- für wen und für welches Netz das Dokument gilt (inkl. des 6-kV-Sonderfalls Kladow),
- was mit „Kundenanlage“, „Anschlussnehmer“ und „Übergabestation“ gemeint ist.
Einfach erklärt: Die ist so etwas wie die bundesweite Straßenverkehrsordnung für Mittelspannungsanschlüsse – sie legt Mindestanforderungen fest. Die TA Mittelspannung Berlin ist die örtliche Beschilderung dazu: Sie sagt, wie die Regeln im Berliner Netz konkret umgesetzt werden – welche Bemessungswerte, welche Anschluss- und Schutzprinzipien, welche Eigentumsgrenzen. Beide gelten zusammen, nicht alternativ.
Wofür und für wen gilt die TA?
🎯 Geltungsbereich
Die TA gilt zusammen mit der VDE-AR-N 4110 für Planung, Errichtung, Betrieb und Änderung von Kundenanlagen, die am Netzanschlusspunkt an das 10-kV-Netz von Stromnetz Berlin angeschlossen werden. TA MS 2025, Kap. 2
Sonderfall Kladow: Im Netzgebiet des Umspannwerks Kladow betreibt Stromnetz Berlin derzeit noch ein 6-kV-Netz. Anschluss und Betrieb dort sind individuell mit Stromnetz Berlin abzustimmen.
👥 Wer ist „Kunde“?
Elektrische Anlagen von Kunden umfassen Bezugs- und Erzeugungsanlagen, Speicher sowie Mischanlagen. „Kunden“ sind Anschlussnehmer und Anschlussnutzer – beide Rollen können in einer Person zusammenfallen. Die Kundenanlage am Mittelspannungsnetz heißt Übergabestation. TA MS 2025, Kap. 1
Was genau ergänzt die TA gegenüber der VDE-AR-N 4110? TA MS 2025, Kap. 1
Die VDE-AR-N 4110 beschreibt Mindestanforderungen, deckt aber „nicht automatisch alle netzbetreiberspezifischen Bedingungen ab“. Die TA ergänzt sie um die Berliner Spezifika:
- Bemessungsdaten der Betriebsmittel (→ Abschnitt 02),
- Sternpunkterdung des Netzes,
- Anschluss- und Schutzprinzipien (→ Abschnitt 03/04),
- Messeinrichtungen und Fernsteuerung (→ Abschnitt 05),
- Eigentums- und Bedienungsgrenzen – ein Kernthema dieser Seite.
Welche Anlagen und Bilder gehören zum Dokument? TA MS 2025, Kap. 7
- Anlage 1 – Bemessungsdaten der Betriebsmittel, Sternpunkterdung, Schutzeinstellungen
- Anlage 2 – Übersicht über die Anschlussprinzipien (mit den Bildern 1.1–1.11)
- Anlage 3 – entfällt
- Anlage 4 – Messwandler
- Anlage 5 – Formulare der VDE-AR-N 4110 (Anhang E) als beschreibbare PDFs
- Anlage 6 – Checklisten für Abnahme, Inbetriebsetzung und Dokumentation
Dazu verweist der Text auf Technische Beschreibungen von Stromnetz Berlin, u. a. , , , , , und die Richtlinie .
Seit wann gilt die Ausgabe 2025?
Die Ausgabe 2025 ersetzt die Ausgabe 2024. Geltungsbeginn ist der 01.07.2025. DIN-/VDE-Normen und Anwendungsregeln gelten dabei jeweils in ihrer aktuellen Fassung. TA MS 2025, Kap. 1 u. 6
02 · Das Netz in Zahlen
Neun Zahlen, die das Regelwerk tragen
Viele Anforderungen der TA lassen sich an wenigen Schlüsselwerten festmachen. Wer diese Zahlen kennt, kann die Logik der folgenden Abschnitte fast schon erraten. Jede Kachel verlinkt auf den Abschnitt, in dem die Zahl erklärt wird.
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- welche neun Schlüsselzahlen die zentralen Anforderungen der TA tragen,
- auf welche Bemessungsdaten alle Betriebsmittel im Berliner Netz auszulegen sind,
- wie sich die Sternpunkterdung im 10-kV- und im 6-kV-Netz (Kladow) unterscheidet.
Bemessungsdaten der Betriebsmittel Anlage 1, Tab. 1
Alle Betriebsmittel im Berliner Mittelspannungsnetz sind generell für diese Werte auszulegen – sie sind die Eintrittskarte für jede Komponente in der Übergabestation:
Sternpunkterdung: 10-kV-Netz vs. 6-kV-Netz Anlage 1, Tab. 2–3
| 10-kV-Netz | 6-kV-Netz (Kladow) | |
|---|---|---|
| Art der Sternpunkterdung | niederohmig () | isoliert () |
| Erdfehlerfaktor | 1,73 | 1,73 |
| Erdschluss-/Erdkurzschlussstrom | 1 kA (5 s) Auslegungswert; toleranzbedingt bis ca. 1,1 kA möglich | ≤ 250 A Erdschlussstrom; Doppelerdschlussstrom 8,5 kA (Auslegung Erdungsanlage) |
Warum 1,73 trotz „niederohmig“? Die NOSPE ist hier strombegrenzend ausgelegt (Auslegung ~1 kA), im Sinne der Normung also nicht „wirksam geerdet“. Bei einpoligem Erdfehler steigt die Spannung der gesunden Außenleiter bis nahe √3·UPhase – daher der Erdfehlerfaktor 1,73 (wie im isoliert betriebenen 6-kV-Netz). Genau dafür sind die Betriebsmittel auf 12 kV Um / 28 kV Prüfwechselspannung ausgelegt.
- Die Erdung der 10(6)-kV-Sternpunkte der Transformatoren in Übergabestationen ist unzulässig.
- Ebenso unzulässig: die Sternpunkterdung direkt angeschlossener Generatoren während des Parallelbetriebs – zur Inbetriebnahme ist ein messtechnischer Nachweis vorzulegen.
- Fehlerklärungszeiten (Haupt-/Reserveschutz) werden projektspezifisch bei Bedarf zur Verfügung gestellt. Anlage 1, Tab. 4
Erdungsimpedanz ZE und Ausbreitungswiderstand RA Anlage 1, Tab. 5
| Station im 10-kV-Netz | ZE | RA (Baukörper) |
|---|---|---|
| mit Verbindung zum öffentlichen Niederspannungsnetz (PEN mehrfach geerdet) | ≤ 1 Ω | ≤ 5 Ω |
| ohne Verbindung zum öffentlichen NS-Netz (z. B. Baustationen, kundeneigene Stationen) | ≤ 0,65 Ω | ≤ 3,25 Ω |
RA jeweils ohne angeschaltetes 10(6)-kV- bzw. 0,4-kV-Netz gemessen. Details zur Ausführung: und .
03 · Die drei Anschlusskonzepte
Offener Ring, geschlossener Ring, Stich – das Herz der TA
Stromnetz Berlin schließt Kundenanlagen über genau drei Netzformen an das 10-kV-Netz an. Welche davon zum Einsatz kommt, hängt von Entnahmeleistung, Einspeiseleistung, Kurzschlussstrombeitrag und dem Aufbau der Kundenanlage ab – und immer auch von den örtlichen Netzbedingungen. TA MS 2025, Kap. 3.2.1
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- wie die drei Netzformen aufgebaut sind und was bei einem Kabelfehler jeweils passiert,
- warum der offene Ring die Standardanschlussform ist – und wann Stich oder geschlossener Ring nötig werden,
- wo bei jedem Konzept die Eigentumsgrenze zwischen Stromnetz Berlin und Kunde verläuft,
- was die 800-kVA-Grenze für das Übergabefeld bedeutet.
Einfach erklärt: Stell dir eine Ringbuslinie vor. Im offenen Ring fährt der Bus die Runde normalerweise nur bis zu einer Haltestelle kurz vor dem Ende – dort ist eine „Trennstelle“. Ist die Strecke blockiert, wird die Trennstelle geöffnet bzw. an anderer Stelle neu gesetzt und alle Haltestellen sind nach kurzem Umschalten wieder erreichbar (n-1-sicher mit Umschaltung). Im geschlossenen Ring fahren ständig zwei Busse aus beiden Richtungen – fällt einer aus, merkt der Fahrgast nichts (stand-by, unterbrechungsfrei). Der Stich ist die Sackgasse: ein einziger Weg, ohne Ersatz (n-0) – deshalb nur für Erzeugungsanlagen zulässig, nicht für Versorgungskunden.
Offener Ring – (n-1)-sicher durch Umschaltung
StandardanschlussformNormalbetrieb: Der Ring wird an der Trennstelle offen betrieben. Beide Halbringe versorgen „ihre“ Stationen; die Übergabestation hängt am linken Halbring. TA MS 2025, Kap. 3.2.2 · Anlage 2 · Bild 1.1/1.3
Geschlossener Ring – (n-1)-sicher im Stand-by
für hohe Leistung & ZuverlässigkeitNormalbetrieb: Der Ring ist geschlossen und in der Kundenanlage durchgeschaltet – die Versorgung läuft ständig über beide Kabel aus dem 110/10-kV-UW. TA MS 2025, Kap. 3.2.3 · Bild 1.9/1.10
Stichanschaltung – (n-0), nur für Einspeisungen
größere Wind-/PV-Anlagen direkt am UWNormalbetrieb: Die Erzeugungsanlage speist über ein einziges Stichkabel direkt in das 110/10-kV-Umspannwerk ein. Beachte die Flussrichtung: von der Anlage ins Netz. TA MS 2025, Kap. 3.2.4 · Bild 1.11
Welche Netzform für welche Kundenanlage? Anlage 2
Anlage 2 ordnet jeder Kombination aus Anlagenaufbau und Einspeisung ein Anschlussprinzip samt Übersichtsschaltbild zu:
| Netzform | Kundenanlage | Art der Übergabe | Bild |
|---|---|---|---|
| Offener Ring (n-1)-sicher, Umschaltung |
Transformator ≤ 800 kVA, keine Einspeisung | vereinfacht: Lasttrennschalter-Sicherungs-Kombination | 1.1 |
| Transformator > 800 kVA, keine Einspeisung | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.3 | |
| mehrere Abgänge, keine Einspeisung | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.5 | |
| Trafo ≤ 800 kVA, eine Einspeisung, Kurzschlussstrombeitrag ≤ 600 A¹ | vereinfacht: Lasttrennschalter-Sicherungs-Kombination | 1.6 | |
| Trafo > 800 kVA, eine Einspeisung, Kurzschlussstrombeitrag ≤ 600 A¹ | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.7 | |
| Trafo > 800 kVA, ≥ zwei Einspeisungen, Kurzschlussstrombeitrag ≤ 600 A¹ | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.8 | |
| Geschlossener Ring (n-1)-sicher, stand-by |
Seiteneinspeisung | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.9 |
| Mitteneinspeisung und Längskupplung mit Leistungsschalter | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.10 | |
| Stich² (n-0)-sicher |
größere Wind- oder PV-Anlage | Übergabe mit Leistungsschalter | 1.11 |
¹ in Summe im gesamten Ring · ² nur für Einspeisungen zulässig · Bilder 1.2 und 1.4 entfallen.
Kernthema Eigentumsgrenzen: Wem gehört was?
Der größte praktische Unterschied zwischen den Konzepten liegt nicht im Kupfer, sondern im Grundbuch: Beim offenen Ring betreibt Stromnetz Berlin den Übergabeteil in der Kundenstation – beim geschlossenen Ring und beim Stich gehört die komplette Schaltanlage dem Kunden, und das Netz endet schon am Kabelendverschluss. Dieselbe Anlagenkette, dreimal – schau, wie die Grenze wandert:
Offener Ring
Grenze: hinter dem Messfeld. Beide Ringkabelfelder, das Übergabeschaltfeld und das Messfeld gehören Stromnetz Berlin. In begehbaren Stationen errichtet und betreibt Stromnetz Berlin den Übergabeteil; Kompaktstationen errichtet der Kunde mit Beistellungen von Stromnetz Berlin. Der Betriebsteil (ab Kabel zum Trafo) ist Sache des Kunden.
TA MS 2025, Kap. 3.2.2
Geschlossener Ring
Grenze: am Kabelendverschluss der Mittelspannungskabel. Die gesamte Schaltanlage baut und betreibt der Kunde. Stromnetz Berlin stellt die netzrelevanten Schutzgeräte in einem separaten Schutzschrank bei (zwei bei Mitteneinspeisung) – diese bleiben ihr Eigentum. Platz für Schutzschrank und -Verteiler stellt der Kunde.
TA MS 2025, Kap. 3.2.3
Stich
Grenze: am Kabelendverschluss – wie beim geschlossenen Ring. Schaltanlage durch den Kunden, netzrelevanter Schutz (inkl. ) als Beistellung von Stromnetz Berlin im separaten Schrank, Platz für Schutzkomponenten und -Verteiler durch den Kunden.
TA MS 2025, Kap. 3.2.4
In allen Konzepten gilt: Die Messeinrichtung (Zähler, Wandler) wird vom bereitgestellt und bleibt dessen Eigentum – daher die violetten Marker in den Schaltbildern. Und: Sämtliche Schaltfeldtüren des Übergabeteils erhalten Schließzylinder von Stromnetz Berlin und dürfen nur von deren Beauftragten geöffnet werden. TA MS 2025, Kap. 4.1 u. 3.6.2.2
Entscheidungs-Assistent: Welcher Anschluss passt?
Beantworte zwei bis drei Fragen und finde heraus, welches Anschlussprinzip die TA für deinen Fall vorsieht – inklusive Begründung und passendem Übersichtsschaltbild. Im echten Leben entscheidet immer Stromnetz Berlin unter Beachtung der örtlichen Netzbedingungen. TA MS 2025, Kap. 3.2.1
04 · Schutzkonzept, Fernsteuerung & Eigenbedarf
Wer schaltet wann ab – und wer bezahlt den Wächter?
Jedes Anschlusskonzept bringt sein eigenes Schutzkonzept mit. Die Grundidee ist immer gleich: Fehler so schnell und so selektiv wie möglich abschalten – nur der kranke Teil fliegt raus, der Rest bleibt am Netz.
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- was der Netzübergabeschutz (NÜS) ist und wann der Kunde eigene Schutzgeräte braucht,
- warum die Rückspeisung im Fehlerfall auf 600 A begrenzt ist,
- welche fünf Schutzmeldungen an die Systemführung gehen,
- wie sich die Eigenbedarfsversorgung zwischen offenem und geschlossenem Ring unterscheidet (Stichwort: 8-h-Batterie).
Einfach erklärt: Der NÜS ist der Türsteher von Stromnetz Berlin direkt am Übergabe-Leistungsschalter: Er gehört dem Netzbetreiber, wird von ihm bezahlt und wirft bei Kurzschluss die ganze Kundenanlage raus. Hat der Kunde nur ein Schaltfeld, reicht dieser Türsteher. Hat er mehrere Felder, braucht jedes einen eigenen schnellen Wächter – damit bei einem Fehler in Halle 3 nicht gleich das ganze Werk dunkel wird. Der NÜS bleibt als Reserve immer dahinter.
Die Schutzbausteine je Konzept
Offener Ring
- (bei Übergabe mit Leistungsschalter, d. h. Trafo > 800 kVA): Eigentum Stromnetz Berlin, wirkt direkt auf den Übergabe-Leistungsschalter.
- Kundenschutz: 1 Schaltfeld → kein eigener Schutz nötig (NÜS übernimmt). Mehrere Felder → je Feld eine schnellschaltende Schutzeinrichtung für ein- und mehrpolige Kurzschlüsse.
- bei Erzeugern/Speichern; für einpolige 10-kV-Fehler stellt Stromnetz Berlin ein Auslösesignal des Spannungsschutzes bereit (Trennung auf der NS-Seite).
TA MS 2025, Kap. 3.2.2
Geschlossener Ring
- Netzrelevanter Schutz im separaten Schrank (zwei bei Mitteneinspeisung), Eigentum Stromnetz Berlin: NÜS, Differentialschutz der 10-kV-Leitungen, Knotenpunktschutz der Schaltanlage.
- Kundenschutz: jedes 10-kV-Abgangsfeld mit eigener schnellschaltender Schutzeinrichtung.
- NES: Art und Umfang werden in der bewertet und vorgegeben.
TA MS 2025, Kap. 3.2.3
Stich
- Netzrelevanter Schutz im separaten Schrank (Eigentum Stromnetz Berlin): NÜS, Differentialschutz der 10-kV-Leitung, Knotenpunktschutz.
- Kundenschutz: schnellschaltender Schutz für die 10-kV-Schaltanlage ist Pflicht.
- NES nach Erfordernis, insbesondere bei Einspeisern.
TA MS 2025, Kap. 3.2.4
Für alle Konzepte gilt: Alle dargestellten Schutzgeräte sind dreipolig auszuführen und allpolig anzuschließen; der Übergabeschutz wirkt direkt auf den Übergabe-Leistungsschalter. TA MS 2025, Kap. 3.2.2 · Bilder 1.1–1.11
⚡ Die 600-A-Grenze
Bei Einspeiseanlagen in Mittelspannungsringen ist im Fehlerfall eine Rückspeisung von maximal 600 A in das Netz zulässig. Diese Grenze gilt in Summe für alle Einspeiser im Netzring (Vollring) – und sie gilt auch dann, wenn eingesetzt werden. Deshalb taucht in Anlage 2 bei jeder Einspeise-Variante im offenen Ring die Bedingung „Kurzschlussstrombeitrag ≤ 600 A“ auf. TA MS 2025, Kap. 3.2.2
Schutzmeldungen an die Systemführung
Bei Anschluss an einen offen betriebenen Ring mit Leistungsschalter und NÜS überträgt die Kundenstation fünf Meldungen an die Systemführung von Stromnetz Berlin: TA MS 2025, Kap. 3.2.5
Fernsteuerung & Eigenbedarf – zwei Welten
Offener Ring ferngesteuert
Das Mittelspannungsnetz wird planmäßig ferngesteuert: Die Ringkabelfelder erhalten Motorantriebe und Kurzschlussanzeiger, damit Stromnetz Berlin sie in die Fernsteuerung einbeziehen kann. Die Fernsteuerung errichtet Stromnetz Berlin zu ihren Lasten; der Zeitpunkt der sekundärtechnischen Erschließung richtet sich nach Lage im Ring. Für und Fernwirkeinheit ist ein Montagerahmen nach vorzusehen (zwei Einschubkassetten).
Eigenbedarf & Hilfsenergie für die Sekundärtechnik von Stromnetz Berlin kommen – abweichend von VDE-AR-N 4110 Pkt. 6.3.3 – in der Regel aus einem Revisions-Hausanschluss mit 230 V AC.
TA MS 2025, Kap. 3.2.2
Geschl. Ring / Stich batteriegestützt
Anlagen im geschlossenen Ring und am Stich brauchen eine netzunabhängige Eigenbedarfsversorgung (vgl. VDE-AR-N 4110 Pkt. 6.3.3). Ladegleichrichter und Batteriekapazität werden überwacht und gemeldet. Fällt der Ladegleichrichter aus, muss die Batterie mindestens 8 Stunden durchhalten. Die Gleichspannungskreise sind erdfrei zu betreiben und auf Erdschluss zu überwachen.
Hilfsenergie für die Sekundärtechnik von Stromnetz Berlin stellt der Kunde bereit: 60, 110 oder 220 V DC.
TA MS 2025, Kap. 3.2.3 u. 3.2.4
Warum metallgekapselte Schaltanlagen? TA MS 2025, Kap. 3.2.2
Stromnetz Berlin setzt – unter Beachtung der – metallgekapselte Schaltanlagen ein. Für den Aufstellungsplatz der Felder inkl. fernwirktechnischer Komponenten muss der Kunde mindestens 2.800 × 1.100 × 2.400 mm (B × T × H) bereitstellen – relevant vor allem beim ferngesteuerten offenen Ring (Details und ggf. abweichende Maße in der Planungsphase abstimmen).
Wer darf eigentlich schalten? Bedienungsgrenzen Bilder 1.1–1.11
- Ringkabel-/Einspeisefelder: Bedienung einschließlich Erdungsschalter nur durch Stromnetz Berlin bzw. Beauftragte – Hinweisschild „Schalterbedienung nur durch Netzbetreiber-Personal“ ist Pflicht; Plombieren der Antriebe genügt nicht (geschlossener Ring/Stich).
- Übergabeschalter: Bedienung durch den Kunden im Normalbetrieb.
- Erdungsschalter samt Antrieben und Bedienhebeln sind rot zu kennzeichnen.
- Vor Arbeiten am Übergabeteil benennt der Anlagenbetreiber dem Störungsmanagement einen Anlagenverantwortlichen nach DIN VDE 0105-100.
05 · Messstellenbetrieb & Messung
Erst der Spannungswandler, dann der Stromwandler
Die Abrechnungsmessung ist das Kassensystem des Netzanschlusses. Berlin ordnet die Wandler im Messfeld dabei anders an, als es die Skizzen der VDE-AR-N 4110 zeigen – und die Reihenfolge hängt von der Energieflussrichtung ab.
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- warum der Spannungswandler in Energieflussrichtung vor dem Stromwandler sitzt – und was das bei Erzeugungsanlagen bedeutet,
- wem Zähler, Wandler und Zählerschrank gehören,
- welche Randbedingungen am Zählerplatz gelten (−5…+40 °C, Phasenfolge, Plomben).
Messanordnung im Messfeld
Bezugsanlage: Vom Netz von Stromnetz Berlin aus gesehen kommt zuerst der Spannungswandler-Abgriff, dann der Stromwandler. TA MS 2025, Kap. 3.2.1
Die VDE-AR-N 4110 stellt die Messung anders dar – Berlin ordnet den Spannungswandler im Messfeld in Energieflussrichtung grundsätzlich vor dem Stromwandler an: bei Bezugsanlagen vom Netz aus gesehen, bei Erzeugungsanlagen von der Kundeneinspeisung aus gesehen. Die Spannungswandler sind außerdem mit einer zu beschalten. TA MS 2025, Kap. 3.2.1
Spielregeln am Zählerplatz
🔐 Eigentum & Plomben
Die Messeinrichtung stellt der bereit – sie bleibt sein Eigentum. Zähler, Steuergeräte und Messwandler kommen vom Messstellenbetreiber; den (Isolierstoff-)Schrank, ggf. mit fertig verdrahteter Zählertafel, stellt Stromnetz Berlin bei. Plomben setzen oder entfernen nur Beauftragte von Stromnetz Berlin oder des Messstellenbetreibers – Dritte dürfen sie nicht öffnen. TA MS 2025, Kap. 4.1
🌡️ Umgebung & Aufbau
Am Anbringungsort gilt: −5 °C bis +40 °C, sonst drohen die Verkehrsfehlergrenzen zu reißen. Im Messfeld ist die Phasenfolge L1–L2–L3 von links nach rechts einzuhalten; Sekundärleitungen von Strom- und Spannungswandlern laufen in getrennten Umhüllungen. Wandler müssen übersichtlich angeordnet, gut zugänglich und im Störungsfall einzeln auswechselbar sein. TA MS 2025, Kap. 4.1
🚫 Tabu
Der Anschluss kundeneigener Betriebsmessgeräte an die Strom- und Spannungswandler der Abrechnungsmessung ist nicht zugelassen. Unterzählungen sind in der Planungsphase mit Stromnetz Berlin abzustimmen. TA MS 2025, Kap. 4.1 u. 4.3
🏗️ Sonderfall Niederspannungsmessung
Nur bei Anlagen mit einem Transformator bis 630 kVA, die zeitlich befristet am Netz sind (z. B. Baustromstationen), kann die Messung nach Rücksprache mit Stromnetz Berlin auf der Niederspannungsseite erfolgen. TA MS 2025, Kap. 4.1
Messstellenbetrieb Niederspannung – die Zahlen TA MS 2025, Kap. 4.2
- Je Abrechnungsmesssatz drei Stromwandler (grundsätzlich Schienenstromwandler) an gut zugänglicher Stelle.
- In den Zählerschrank eingeführte Leitungsenden: ca. 1 m lang; Anschluss an die Reihenklemmen durch den Messstellenbetreiber.
- Spannungsmessleitungen: generell abgesichert, mind. 2,5 mm² Cu (Anschluss vor den Stromwandlern bis Reihenklemmen).
- Strommessleitungen: 4 mm² Cu bei Leitungslängen bis 15 m.
Messstellenbetrieb Mittelspannung & Wandlerdetails TA MS 2025, Kap. 4.3 · Anlage 4
- Zahl, technische Daten und Einbauweise der Wandler legt Stromnetz Berlin fest; mehrere Zählerplätze sind bündig nebeneinander anzuordnen.
- Zum Zählerschrank ist eine 3×1,5 mm² NYM-J-Leitung zu verlegen, angeschlossen an das 230-V-Netz der Stationssicherheitsbeleuchtung, abgesichert mit 1×10 A.
- Je Außenleiter ein Stützerstromwandler (DIN 42600 Teil 4, kleine Bauform, Um 12 kV) und ein einpolig isolierter Spannungswandler (DIN 42600 Teil 7, kleine Bauform).
- Sekundärleitungen Wandler → Reihenklemme X1: 6 mm² (Spannung) bzw. 4 mm² (Strom) Cu; X1 → X2: 4 mm² bis 15 m – jeweils ungeschnitten verlegt.
- Reihenklemmen: bis 10 mm² Cu, Isolierstege, 500 V, Sicherungsreihenklemmen 2,0 A mit Kennmelder.
- Die technischen Voraussetzungen der Datenübertragung sind mit dem Messstellenbetreiber abzustimmen. Kap. 4.4
06 · Blindleistung & Erzeugungsanlagen
cos φ, Q(P) und die Angst vor dem Inselnetz
Zwei Themen, ein Ziel – stabile Spannung: Erstens darf die Kundenanlage das Netz nicht mit Blindleistung belasten, zweitens müssen Erzeugungsanlagen sich je nach Anschlusskonzept unterschiedlich an der Netzstützung beteiligen.
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- welche cos-φ-Grenzen gelten und warum Festkompensation verboten ist,
- warum Erzeuger im offenen Ring eine Q(P)-Kennlinie fahren, im geschlossenen Ring/Stich aber cos φ = 1,
- was Vektorsprungrelais und RUA-Mitnahmeschaltung verhindern sollen,
- ab wann Redispatch- und Echtzeitdaten-Pflichten greifen (> 100 kW).
Einfach erklärt: Blindleistung ist wie der Schaum auf dem Bier: Er füllt das Glas (die Leitung), löscht aber keinen Durst (leistet keine Arbeit). Der Verschiebungsfaktor cos φ misst den Bier-Anteil im Glas. Berlin verlangt mindestens 0,9 induktiv – und niemals „kapazitiven Schaum“, der das Netz aufschaukeln würde. Kompensationsanlagen müssen mitdenken (gesteuert schalten) und verdrosselt sein, damit sie mit den Oberschwingungen im Netz keinen Resonanzkreis bilden.
Blindleistungskompensation TA MS 2025, Kap. 3.3
📐 Verschiebungsfaktor
Der der Kundenanlage soll 0,9 induktiv nicht unterschreiten und darf keine kapazitiven Werte annehmen. Kompensationsanlagen werden entweder cos-φ-gesteuert oder bei Einzelkompensation gemeinsam mit dem zugeordneten Verbraucher geschaltet. Eine lastunabhängige Festkompensation ist nicht zulässig.
🎛️ Ausführung
Zur Vermeidung von Störungen werden Kompensationsanlagen voll verdrosselt errichtet – Stromnetz Berlin empfiehlt eine Verdrosselung von mindestens 7 %. Die Dimensionierung muss eine Überkompensation in jedem Fall vermeiden.
Anforderungen an Erzeugungsanlagen TA MS 2025, Kap. 3.4
| Offener Ring | Geschl. Ring / Stich | |
|---|---|---|
| Statisches Verhalten Spannungshaltung |
Beteiligung an der statischen Spannungshaltung nach | fester cos φ = 1 |
| Dynamisches Verhalten Verhalten bei Fehlern |
Synchron-/Asynchrongeneratoren erhalten ein zeitverzögertes Vektorsprungrelais (Parameter von Stromnetz Berlin). Bei elektrisch nahen Fehlern trennen sie sich – und leisten dann keinen Beitrag zur dynamischen Netzstützung. | Bei einer Reserveumschaltung () trennt eine Mitnahmeschaltung die Anlage über die 10-kV-Übergabeschalter vom Netz – damit sich nach UW-Trafo-Ausfällen (z. B. Buchholz-Auslösung) keine stabilen Inselnetze bilden. Aufbau durch Stromnetz Berlin, kundenseitige Anbindung durch den Kunden. |
Grundsatz: Alle Erzeugungsanlagen müssen sich an der dynamischen Netzstützung beteiligen – die Tabelle zeigt die konzeptspezifischen Schutz-Zusätze. TA MS 2025, Kap. 3.4.2
📡 Echtzeitdaten & Redispatch ab 100 kW
Für -Anlagen mit einer Bemessungsleistung größer 100 kW ergeben sich aus dem -Prozess und der Anforderungen an Leistungsbeeinflussung und Echtzeitdaten – beschrieben im Dokument „Technische Mindestanforderungen – Netzsicherheitsmanagement“ von Stromnetz Berlin. TA MS 2025, Kap. 3.4.3
🤝 Betriebsvereinbarung
Kunden schließen mit Stromnetz Berlin eine Betriebsvereinbarung Erzeugungsanlagen und Speicher ab, die die beiderseitigen Rechte und Pflichten regelt. TA MS 2025, Kap. 3.4.4
Erzeugung im offenen Ring: NES, ESM und der geliehene Spannungsschutz Kap. 3.2.2 · Bild 1.6
Bild 1.6 zeigt die Kette auf der Kundenseite (hinter dem Trafo ≤ 800 kVA): Schalter → → → Generator oder Wechselrichter.
- Einpolige Fehler auf der 10-kV-Seite „sieht“ die NS-Seite schlecht – deshalb stellt Stromnetz Berlin ein Auslösesignal ihres Spannungsschutzes bereit, das die Erzeugungsanlage auf der Niederspannungsseite trennt.
- Für PV-Anlagen mit nicht-netzbildenden Umrichtern kann auf den Spannungsschutz verzichtet werden, wenn ein aktives Inselnetzdetektionsverfahren nach VDE-AR-N 4105 vorhanden und aktiviert ist.
- Die Summe aller Fehlerfall-Rückspeisungen im Ring bleibt auf 600 A begrenzt (→ Abschnitt 04).
Sternpunkte von Generatoren: niemals selbst erden Anlage 1
Die Erdung der 10(6)-kV-Sternpunkte direkt angeschlossener Generatoren ist während des Parallelbetriebs unzulässig – das würde das Sternpunkterdungs-Konzept des Netzes (niederohmig, 1 kA Auslegung) unterlaufen. Zur Inbetriebnahme ist ein messtechnischer Nachweis vorzulegen.
07 · Notstromaggregate & Netzersatzanlagen
100 Millisekunden Parallelbetrieb – mehr gibt’s nicht (im offenen Ring)
Notstromaggregate () sichern die Eigenversorgung des Kunden bei Netzausfall. Heikel ist der Moment, in dem Aggregat und Netz gleichzeitig speisen – der Netzparallelbetrieb. Die TA regelt ihn je nach Anschlusskonzept sehr unterschiedlich. TA MS 2025, Kap. 3.5
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- warum der Netzparallelbetrieb von Notstromaggregaten je Anschlusskonzept unterschiedlich geregelt ist,
- was den tolerierten Kurzzeitparallelbetrieb (≤ 100 ms) und den monatlichen Probelauf im offenen Ring ausmacht,
- wann für den Notstrombetrieb eine Verrechnungsmessung nötig wird.
Geschlossener Ring
Ein Netzparallelbetrieb ist möglich – das stark vermaschte, doppelt gespeiste Konzept verträgt die zusätzliche Quelle. TA MS 2025, Kap. 3.5.2
Offener Ring
Erlaubt sind nur der Kurzzeitparallelbetrieb von max. 100 ms zur Synchronisierung und der einstündige Probelauf. Alles darüber hinaus gilt als Dauer-Parallelbetrieb → dann greifen die vollen Erzeugungsanlagen-Anforderungen der VDE-AR-N 4110 inkl. Nachweis der elektrischen Eigenschaften. TA MS 2025, Kap. 3.5.3
Der tolerierte Probelauf im offenen Ring TA MS 2025, Kap. 3.5.3
- Entkupplungsschutz an der Erzeugungseinheit: U≫, U>, U<, f>, f< – inklusive Vektorsprung.
- Die Voranmeldung (≥ 10 Werktage) erlaubt die zeitliche Entzerrung der Probeläufe verschiedener Kunden – sonst könnte die Summe der Kurzschlussstrombeiträge die Anlagenfestigkeit überschreiten.
- Betriebliche Erfordernisse wie Sonderschaltzustände werden mit den Probeläufen technisch und zeitlich abgestimmt – und umgekehrt.
🧾 Verrechnungsmessung
Für den im Notstromaggregat erzeugten Strom ist grundsätzlich keine Verrechnungsmessung nötig. Wird die NEA aber mit einer oder mehreren Erzeugungsanlagen kombiniert, ist eine Verrechnungsmessung als registrierende Lastgangmessung aufzubauen. TA MS 2025, Kap. 3.5.5
🤝 Betriebsvereinbarung
Auch hier gilt: Kunde und Stromnetz Berlin schließen eine Betriebsvereinbarung Notstromanlage über die beiderseitigen Rechte und Pflichten. TA MS 2025, Kap. 3.5.4
08 · Baulicher & elektrischer Teil
Die Übergabestation: fensterlos, druckfest, doppelt verschlossen
Schaltanlagen- und Trafo-Räume sind „abgeschlossene elektrische Betriebsstätten“. Die TA ergänzt die VDE-AR-N 4110 hier um sehr handfeste Berliner Vorgaben – von der Lüftungslamelle bis zum Schließzylinder. TA MS 2025, Kap. 3.6
Nach diesem Abschnitt weißt du …
- welche baulichen Pflichten eine Übergabestation erfüllen muss (Checkliste!),
- wie viel Platz die beigestellten Komponenten von Stromnetz Berlin brauchen,
- welche Sonderregeln für Schaltanlagen, Erdung und Transformatoren gelten.
Interaktive Checkliste: Baulicher Teil
Hake ab, was dein Projekt schon erfüllt – der Fortschritt wird lokal im Browser gespeichert. (Didaktische Auswahl; die vollständigen Abnahme-Checklisten liefert Anlage 6.)
Baulicher Teil – Kernanforderungen
0 von 10 erledigtPlatzbedarf der Beistellungen TA MS 2025, Kap. 3.6.1.1
| Komponente | Mindestmaß | Hinweis |
|---|---|---|
| Aufstellungsplatz Felder + Fernwirktechnik | 2.800 × 1.100 × 2.400 mm (B×T×H) | durch den Kunden und zu dessen Lasten (v. a. ferngesteuerter offener Ring); Abweichungen in der Planung abstimmen |
| Revisions-Hausanschluss | 302 × 604 mm (B×H) | Eigenbedarf/Hilfsenergie im offenen Ring |
| Fernmeldeverteiler | 230 × 520 mm (B×H) | für begehbare Stationen, gemäß TB3340 |
| Montagerahmen (USV + Fernwirkeinheit) | 462 × 600 × 88,4 mm (B×T×H) | Außenmaße ohne Befestigungswinkel, gemäß TB3340 |
| Zählerschrank | 500 × 850 mm (B×H) | Beistellung Stromnetz Berlin, Zähler vom Messstellenbetreiber |
| Schutzschrank – offener Ring | 500 × 350 × 600 mm (B×T×H) | nur für Kompaktstationen; Umstellung bei begehbaren Stationen im Laufe des Jahres 2025 (Verdrahtung: Bilder 2.1/2.3) |
| Schutzschrank – geschlossener Ring | 800 × 600 × 2.200 mm (B×T×H) | Seiteneinspeisung & Stich: 1 Schrank · Mitteneinspeisung: 2 Schränke · Türrahmen um 180° schwenkbar |
Elektrischer Teil – die Berliner Zusätze
Schaltanlage: fester Leistungsschalter braucht Begleitung Kap. 3.6.2.2
Ist ein fest eingebauter Leistungsschalter geplant, gehört davor ein Lasttrennschalter (oder verriegelter Trennschalter) und danach eine Lasttrennschalter-Erdungsschalter-Kombination (verriegelt). Vor und nach dem fest eingebauten Erdungsschalter sind Erdungsfestpunkte erforderlich – Ausnahme: Dreiwegeschalter in gasisolierten Schaltanlagen, wo es konstruktionsbedingt keine Erdungsfestpunkte gibt.
Druckentlastung & Kennzeichnung Kap. 3.6.2.2
- Bei Innenraumanlagen muss die Druckentlastung bei Störlichtbogen definiert erfolgen – nicht in Kabelkanäle oder Doppelböden (z. B. Reduktionssystem oder Störlichtbogen-Begrenzungssysteme).
- Feldbezeichnungen beginnen grundsätzlich links; Erdungsschalter, Antriebe und Bedienhebel sind rot zu kennzeichnen.
- Sämtliche Schaltfeldtüren des Übergabeteils erhalten Schließzylinder von Stromnetz Berlin – Öffnen nur durch deren Beauftragte.
- Ausführung und Beschriftung zusätzlich nach und TB3351.
Transformatoren & Überspannungsschutz Kap. 3.6.2.1–3.6.2.2
- In Netzen mit geplanter Spannungsumstellung sind Netztransformatoren einzusetzen, die sich von außen umschalten lassen.
- Trenntransformatoren zur Potentialtrennung bzw. Trennung von Erdungsanlagen brauchen die Schaltgruppe Dy.
- Überspannungsableiter in der Kundenanlage fordert Stromnetz Berlin nicht.
- Der Eigenbedarf des Kunden ist grundsätzlich aus dessen eigener Anlage zu versorgen.
Erdung & Blitzschutz Kap. 3.6.2.2 · Anlage 1, Tab. 5
- Erdungsimpedanz ZE und Ausbreitungswiderstand RA nach Anlage 1 (→ Abschnitt 02); Ausführung nach TB3371 und VN37.
- Die Erdungsanlagen von Stromnetz Berlin sind von denen der Bahnstromversorgung (DB, S-Bahn, Straßenbahn, U-Bahn) getrennt – keine galvanische Verbindung; Festlegungen dazu bei Stromnetz Berlin erfragen.
- Blitzschutz von Kompaktstationen mit Pfahlmastantenne (-Anbindung) wird lageabhängig individuell festgelegt.
Abnahme & Inbetriebsetzung: Formulare und Checklisten Kap. 5 · Anlage 6
Die Formulare der VDE-AR-N 4110 (Anhang E) stehen als beschreibbare PDFs zur Verfügung (Anlage 5). Zusätzlich sind die Checklisten der Anlage 6 auszufüllen – sechs Listen von „Allgemeine Angaben“ bis zu den abschließenden Prüfungen, u. a.: Drehfeld und Spannung prüfen, Inbetriebnahme abgesetzter Trafos und Kabel zu Unterstationen, Überprüfung der Mitnahmeschaltung, Überprüfung der Batterieanlage, Anlagenverantwortlicher vor Ort.
09 · Alles auf einen Blick
Die drei Konzepte im direkten Vergleich
Alle Kapitel dieser Seite, verdichtet auf eine Tabelle: Wer die Spalten nebeneinander liest, sieht die Logik des Regelwerks – je unterbrechungsfreier der Anschluss, desto mehr Verantwortung wandert zum Kunden. Jede Zeile verlinkt den Abschnitt mit den Details und Fundstellen.
| Merkmal | Offener Ring | Geschlossener Ring | Stich |
|---|---|---|---|
| Typischer Einsatz→ 03 Konzepte | Standardanschlussform – deckt den Großteil der Anschlussbedarfe ab | Entnahme über der Übertragungsfähigkeit offener Ringe, hohe Zuverlässigkeitsanforderungen, größere Netzrückwirkungen; auch Mischanlagen | nur Einspeisungen: größere Wind-/PV-Anlagen, im Einzelfall |
| Versorgungssicherheit→ 03 Konzepte | (n-1) durch Umschaltung – kurze Unterbrechung möglich | (n-1) im Stand-by – unterbrechungsfrei | (n-0) – keine Redundanz |
| Einspeisung aus→ 03 Konzepte | UW; Ring an genau einer Trennstelle offen betrieben | direkt aus einem 110/10-kV-UW, beide Ringenden zugeschaltet | direkt aus einem 110/10-kV-UW, ein einziges Kabel |
| Übergabe→ 03 Konzepte | Trafo ≤ 800 kVA: LTS-Sicherungs-Kombination · > 800 kVA/mehrere Abgänge: Leistungsschalter + NÜS | Leistungsschalter + NÜS, zusätzlich Impedanzschutz (<Z) | Leistungsschalter + NÜS (mit <Z-Funktion) |
| Eigentumsgrenze→ 03 Konzepte | hinter dem Messfeld – der Übergabeteil gehört Stromnetz Berlin | Kabelendverschluss – die gesamte Schaltanlage gehört dem Kunden | Kabelendverschluss – wie geschlossener Ring |
| Netzrelevanter Schutz→ 04 Schutz | NÜS im Übergabefeld (bei Übergabe mit Leistungsschalter) | separater SNB-Schrank: NÜS, ΔI-Leitungsschutz, Knotenpunktschutz · 2 Schränke bei Mitteneinspeisung | separater SNB-Schrank: NÜS, ΔI-Leitungsschutz |
| Kundenschutz→ 04 Schutz | 1 Schaltfeld: NÜS genügt · mehrere Felder: je Feld schnellschaltender Schutz | jedes 10-kV-Abgangsfeld mit eigenem schnellschaltendem Schutz | schnellschaltender Schutz für die 10-kV-Schaltanlage ist Pflicht |
| Eigenbedarf / Hilfsenergie→ 04 Schutz | Revisions-Hausanschluss 230 V AC | netzunabhängig: Batterie ≥ 8 h, DC 60/110/220 V, erdfrei | wie geschlossener Ring |
| Erzeugungsanlagen→ 06 Erzeugung | Q(P)-Kennlinie · Vektorsprungrelais · Rückspeisung im Fehlerfall ≤ 600 A in Summe im Ring | fester cos φ = 1 · RUA-Mitnahmeschaltung | fester cos φ = 1 · RUA-Mitnahmeschaltung |
| NEA-Netzparallelbetrieb→ 07 Notstrom | nur ≤ 100 ms zum Synchronisieren + 1-h-Probelauf (1×/Monat, Anmeldung ≥ 10 Werktage) | möglich | – (reine Erzeugungsanlagen) |
| Übersichtsschaltbilder→ Quellen | 1.1–1.8 (Anlage 2) | 1.9 Seiten- / 1.10 Mitteneinspeisung | 1.11 |
Verdichtung der Abschnitte 03–07; Fundstellen jeweils dort. Grundlage: TA MS 2025, Kap. 3.2–3.5 · Anlagen 1–2. Die Tabelle eignet sich auch zum Ausdrucken.
Drei Merksätze
Offener Ring
Der Standard. Stromnetz Berlin betreibt den Übergabeteil in deiner Station – die Grenze liegt hinter dem Messfeld. (n-1) heißt hier: kurz dunkel, dann umgeschaltet.
Geschlossener Ring
Unterbrechungsfrei – gegen Verantwortung. Die ganze Schaltanlage gehört dir, das Netz endet am Kabelendverschluss; SNB stellt die Schutzgeräte im eigenen Schrank bei.
Stich
Nur für Erzeuger. Ein Kabel direkt ans UW, keine Redundanz (n-0), fester cos φ = 1 – fällt das Kabel aus, steht die Einspeisung.
10 · Wissens-Check
Erst einprägen, dann testen
Zwei Werkzeuge zum Festigen: Karteikarten zum aktiven Erinnern (erst selbst antworten, dann umdrehen – „Nochmal“-Karten kommen zurück ins Deck) und danach das Quiz mit Begründung und Fundstelle zu jeder Frage.